Situationen die für betriebliche Gesundheitskompetenz sprechen

Ansätze in den Gesundheitswissenschaften besagen, dass Arbeit positive Effekte auf den Menschen hat. Indes wird der Beruf von vielen jedoch als Belastung wahrgenommen und stressbedingte Erkrankungen sowie Erschöpfungszustände im Kontext von „Arbeit“ nehmen zu. Ein gutes Arbeitsumfeld ist ein bedeutender Wettbewerbsfaktor und kann eine entscheidende Rolle bei der Steigerung des Potentials der Belegschaft spielen. Die Verbesserung der Gesundheitskompetenz der Mitarbeiter ist ein wichtiges Instrument, um diese zu bestärken (Empowerment). Gesundheitskompetenz hilft den Individuen Entscheidungen für gesundheitsförderndes Verhalten zu treffen (Kickbusch et al. 2013).

Der WIFO Monatsbericht 2012 untersuchte die langfristigen Bevölkerungs- und Erwerbsquotenprognosen für Österreich und besagte, dass wir in Zukunft einen Fachkräftemangel zu bewältigen haben und längere Erwerbstätigkeit wird zunehmend zur Regel werden. Es wird erwartet, dass die Erwerbsbevölkerung zwischen 2020 und 2060 um 13,6% schrumpfen und die Zahl der Erwerbstätigen, die über 65 Jahre sind, steigen wird. Je älter die Arbeitnehmer werden, desto länger die Fehlzeiten. Ein gesunder Lebensstil wird an Bedeutung gewinnen, um auch im fortgeschrittenen Alter einer Erwerbstätigkeit nachgehen zu können. Für die Unternehmer geht es darum, Maßnahmen zum Erhalt der Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter zu ergreifen. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für die langfristige Bindung von Fachkräften mit ihren Kompetenzen und ihrem Know-how an das eigene Unternehmen (Mayrhuber 2012).

Der Fehlzeitenreport zeigte, dass 2017 die Beschäftigten im Jahresverlauf durchschnittlich 12,5 Kalendertage im Krankenstand verbrachten. Dieser Wert entspricht einer Krankenstands Quote, d. h. einem Verlust an Jahresarbeitstagen, von 3,4%. Der Höchststand wurde 1980 erreicht und lag damals bei 17,5 Tagen bzw. 4,8%. Das niedrigste Niveau verzeichnete man 2006 (3,3%). Die Krankenstands Quote ist der Anteil an krankheitsbedingten Fehltagen gemessen an allen Arbeitstagen eines Jahres. Trotz einiger Abweichungen folgen die Krankenstands Quoten von Männern und Frauen dem gleichen Muster. Aufgrund der Untererfassung von kurzen Krankenstands Episoden (ein bis drei Tage) liegt die tatsächliche Krankenstands Quote etwas höher, als aus der Statistik hervorgeht. Österreichischen Unternehmen entstehen jedes Jahr hohe Belastungen durch die Beeinträchtigung der Gesundheit ihrer Mitarbeiter. Diese Gesamtbelastung resultiert zum einen aus den im Krankheitsfall eines Mitarbeiters anfallenden Lohnfortzahlungen, zum anderen aus den durch fehlende Wertschöpfung verursachten Opportunitätskosten. Damit lag die Gesamtbelastung der österreichischen Unternehmen im Jahr 2016 durch Entgeltfortzahlung bei ca. € 2,9 Mrd. Die Opportunitätskosten durch verlorengegangene Wertschöpfung lagen bei rund € 6,0 Mrd. Insgesamt erwachsen österreichischen Unternehmen somit jährlich Belastungen von € 8,9 Mrd. durch die Beeinträchtigung der Gesundheit. Diese Betrachtungsweise erfasst jedoch nur die direkten Krankheitsausfälle (Absentismus). Die zusätzliche Reduktion der Produktivität durch anwesende Mitarbeiter mit eingeschränktem Gesundheitszustand (Präsentismus) lässt eine noch höhere tatsächliche Belastung vermuten (Leoni and Böheim 2018).

Begrenzte Gesundheitskompetenz wirkt sich negativ auf die Gesundheit aus. Sie zu erwerben ist ein lebenslanger Prozess (Pelikan et al. 2012). Es wird für Menschen immer herausfordernder, Entscheidungen zugunsten einer gesunden Lebensweise zu treffen. Einerseits sollen und wollen Menschen in einem immer komplexer werdenden Gesundheitssystem gute Entscheidungen bezüglich ihrer Gesundheit treffen, auf der anderen Seite propagieren und unterstützen „moderne Gesellschaften“ ungesunde Lebensweisen (Gesundheitsparadoxon) (Kickbusch et al. 2013). Bei der Flut an Gesundheitsinformationen, der wir tagtäglich ausgesetzt sind, kommt dazu, dass diese ihre Zielgruppe, Menschen mit durchschnittlicher Lesekompetenz, oft gar nicht erreicht, da die Texte zu „wissenschaftlich“ formuliert sind. Es herrscht somit auch ein Ungleichgewicht – Informationsflut versus Informationsmangel (Rudd and Keller 2009, Rudd 2013).

Die Navigation in den zunehmend komplexer werdenden Gesundheitssystemen wird – selbst für gut gebildete Personen – immer schwieriger und die Bildungssysteme schaffen es nicht mehr, die grundlegenden Fähigkeiten des Lesens und Schreibens zu vermitteln (Kickbusch et al. 2013).

Die moderne Gesundheitspolitik sieht eine größere Eigenverantwortung des einzelnen vor. Nicht mehr „die Götter in Weiß“ entscheiden über unsere Gesundheit, sondern wir sind alle medizinisch aufgeklärt und betreiben aus Selbstmotivation heraus mehr Prävention, denn wenn man das nicht macht, gilt man als dumm oder nachlässig (Bauman 1995).

Früher war der Hausarzt der Gesundheitscoach. Heute haben wir das Internet und wir sind völlig verloren. Eine „healthy choice“ sollte eine „easy choice“ sein. Es sollte leichter sein sich gesund zu ernähren als das Gegenteil. Bei den meisten Zivilisationserkrankungen kann man heute entweder zum Arzt gehen und Medikamente einnehmen oder den Lebensstil ändern. Obwohl beides zum Ziel führt, ist eine Lebensstiländerung oft die weniger bequeme Variante. Abgesehen davon, bezahlen Krankenkassen die Behandlungskosten. Die Kosten und Mühen einer Lebensstiländerung sind jedoch privat zu tragen. Dieses falsche Anreizsystem verhindert folglich die Motivation für die Lebensstiländerung.

Gesundheitskompetenz ist wie alle Lebenskompetenzen wichtig, damit wir unsere Wahl bewusst treffen. Im Sinne der modernen Gesundheitspolitik gehört Gesundheitskompetenz zum Leben jedes einzelnen, weil grundsätzlich jeder Mensch Verantwortung für seine Gesundheit tragen soll(te), soweit er die Möglichkeiten hat, darauf Einfluss zu nehmen. Manchmal steht der Wille jedoch im Gegensatz zur Gesundheitskompetenz. Nicht zu vernachlässigen ist hierbei, dass der Wille oft der letztendlich entscheidende Faktor ist. Ist der Mensch für seine Gesundheit selbst verantwortlich?

Die Entwicklung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung ist ein wichtiger Eckpunkt zum verbesserten Umgang mit Krankheit, zur Förderung der Gesundheit sowie der gesundheitlichen Chancengerechtigkeit und betrifft, neben dem Gesundheitswesen, verschiedene Gesellschafts- und Politikbereiche. Die Politik hat bislang auf die Gesundheitskompetenzkrise nur langsam reagiert, obwohl begrenzte Gesundheitskompetenz mit hohen Kosten im Gesundheitssystem verbunden ist (Eichler, Wieser & Brugger, 2009).

Organisationen wie die WHO, etc. betrachten die Förderung der Gesundheitskompetenz als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das umfasst im Weiteren auch die Arbeitgeber. Der Bericht der WHO Europa empfiehlt die Involvierung vieler Akteure, unter anderen der Unternehmen, als ein Handlungsfeld zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz (Rowlands et al. 2018). Daher wird in dieser Arbeit die Frage gestellt, weshalb sich dieser Aufgabe nicht auch Unternehmer und im Weiteren die Betriebsärzte annehmen können?

Die Erwartungshaltung von Unternehmen in betriebliche Wellness-Programme im Zuge der Betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) ist groß. Diese sollen die medizinischen Ausgaben reduzieren, die Produktivität steigern und das Wohlbefinden verbessern. Doch tun sie das wirklich? Es gibt derzeit nur begrenzte Untersuchungen, die diese Behauptungen stützen (Damon et al. 2018). Es stellt sich nun die Frage, ob es nicht noch andere Möglichkeiten, wie betriebliche Förderung der Gesundheitskompetenz gibt, die nachhaltig die Gesundheit der Mitarbeiterinnen verbessern können?

Die betriebliche Gesundheitskompetenz ist ein Teilbereich des betrieblichen Gesundheitsmanagements bzw. der Betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF), es ist aber alles andere als geklärt, was damit gemeint ist und welche Aufgaben damit auf die Unternehmen zukommen. Noch weniger: warum und mit welcher Zwecksetzung die Unternehmen sich überhaupt auf diese Aufgabenstellung einlassen sollten?

Gesundheitskompetenz bedeutet mehr Gesundheit und Wohlbefinden, während das Fehlen von Gesundheitskompetenz Risikoverhalten begünstigt und zu weniger Gesundheit führt. Gesundheitskompetenz ist verknüpft mit Bildung und umfasst das Wissen, die Motivation und die Kompetenzen von Menschen in Bezug darauf, relevante Gesundheitsinformationen in unterschiedlicher Form zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden, um im Alltag in den Bereichen der Krankheitsbewältigung, der Krankheitsprävention und der Gesundheitsförderung Urteile fällen und Entscheidungen treffen zu können, welche die Lebensqualität im gesamten Lebensverlauf erhalten oder verbessern (Sorensen et al., 2012 ). Mit dieser mittlerweile gebräuchlichen Definition wird jedoch nicht erklärt, was das für Unternehmen bedeuten könnte, da die Definition ausschließlich auf Kompetenzen eines Individuums abstellt.

Die Arbeit ist als zentraler Lebensbereich zu sehen, dies vor allem auch deshalb, da zunehmend die Grenze zwischen Beruf und Freizeit verschwindet und sie deshalb einen hohen Impact auf die Gesundheit hat. Sie ist zentral für die Teilnahmechancen an allen Lebensbereichen (Mayrhuber 2012). Aber ist die Arbeit auch ein Mechanismus zur Steigerung der Gesundheitskompetenz? Sind Unternehmen wesentliche Player im Bemühen, die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu steigern? Wie kann eine sinnvolle Förderung der Gesundheitskompetenz am Arbeitsplatz aussehen?

Nicht allein das Gesundheitswesen und seine Einrichtungen sind allerdings für die Gesundheitskompetenz zuständig, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen gibt es wichtige Akteure bei der Gesundheitskompetenz, wie unter anderen auch die Unternehmen (Mitic and Rootman 2012). Gerade Unternehmen zeig(t)en sich bereits interessiert in Programme der Betrieblichen Gesundheitsförderung zu investieren, um letztendlich die den Unternehmen entstehenden Gesundheitskosten wie Fehlzeiten, etc. zu reduzieren (Damon et al. 2018). Unternehmen in Richtung Gesundheitskompetenz zu entwickeln zielt darauf ab, Unternehmen so zu verändern, dass das Kriterium Gesundheitskompetenz in sämtlichen Entscheidungsprozessen, sowie der Unternehmenspolitik eingebunden wird (Kickbusch et al. 2013). Organisationen, die sich der Gesundheitskompetenz verschrieben haben, profitieren alle vor allem auch von einer Kommunikation die klar und einfach zu verstehen ist (Brach et al. 2012). Ein Ziel von Unternehmen könnte sein die Lebensqualität der MitarbeiterInnen zu erhöhen. Das Instrument dazu könnte die Gesundheitskompetenz sein.

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